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Im gemütlichen Nebenzimmer beim Hammerwirt hatte sich eine Gruppe interessierter Gäste eingefunden, um zu hören, was der Haager Philosoph und Autor zusammengetragen und in seinem neuen Werk zusammengefasst hat. Der Titel des Buches allein versprach bereits die humorvolle Bestätigung des urwüchsigen bayerischen Wesens: „Sei duad’s was“. Mitgebracht hatte Ludwig Meindl seinen Freund Thomas Sax, den Inhaber des gleichnamigen Haager Sanitätshauses, das auch eine Filiale in Mühldorf betreibt, sowie Bernd Sax, der die beiden an diesem Abend technisch unterstützte. Bevor es auf der Bühne offiziell losging, stimmte das Trio die Anwesenden stilecht mit traditioneller Haager Blasmusik auf den Abend ein.
Thomas Sax freute sich, unter den zahlreichen Zuhörern auch die stellvertretende Landrätin und zweite Bürgermeisterin Ilse Preisinger-Sontag begrüßen zu können. Er betonte, wie sehr er sich freue, diese Lesung in einem ganz normalen, traditionellen Wirtshaus abhalten zu können – genau dort, wo sich der Bayer von Haus aus am wohlsten fühlt. Im Anschluss hieß er den Autor Ludwig Meindl willkommen, einen studierten Altphilologen, der neben vielen alten Sprachen eben auch Philosophie studiert hat. Damit war das Duo auch schon mitten im eigentlichen Thema des Abends angekommen: der bayerischen Sprache. Die will zwar scheinbar jeder beherrschen, doch schaut man einmal genauer hin, dann sind die regionalen Unterschiede im Dialekt doch gewaltig.
Seit einiger Zeit werden in der Gesellschaft alte Zöpfe abgeschnitten und neue Wege gesucht, meinte Ludwig Meindl mit Blick auf fast alle Lebensbereiche, bis hin zur Religion. Genau aus diesem Grund brauche auch das Bairische dringend eine Renaissance. Reine Kraftausdrücke oder die korrekte, fehlerfreie Aussprache des berühmten Oachkatzlschwoafs werden in Zukunft nicht mehr ausreichen, um das Überleben des Dialekts nachhaltig zu sichern. Das versucht er nun mit seinem Buch, das eine tiefgründige Verbindung von der bairischen Sprache hin zur klassischen Philosophie herstellt. Zwar kennen viele Menschen die gebräuchlichen Redensarten, doch die wenigsten wissen um die tiefe Verwurzelung mancher Ausdrücke. Dabei, so Meindl, sei doch im Grunde jeder Bayer von Geburt an ein kleiner Philosoph. Das Bairische beinhaltet eine enorme philosophische Tiefe, und hinter vielen scheinbar einfachen Ausdrücken stehen ganze Weltanschauungen. Dies begründete Ludwig Meindl auf der Bühne auf wissenschaftliche Weise: So übersetzte er unter anderem einen altgriechischen Ausdruck aus Homers berühmten Dichtungen zurück und zeigte, dass dieser im modernen Dialekt seine perfekte Entsprechung findet. So etwas können moderne Sprachen, insbesondere das Englische, schlichtweg nicht leisten, da ihnen hierfür schlicht der differenzierte Wortschatz fehlt. Die wahren Sprachen der Philosophie sind für den Altphilologen daher ganz klar das Altgriechische, das Lateinische und eben das Bairische. Das entspricht natürlich auch voll und ganz dem bayerischen Naturell: Der Bayer sinniert nämlich erst einmal ausgiebig über alles nach, während der Norddeutsche bekanntlich längst alles weiß.
So ist das erste Kapitel in Ludwig Meindls Buch folgerichtig auch mit einer der bekanntesten bayerischen Redensarten überschrieben, die Gelassenheit ausdrückt. Man könnte im ersten Moment denken, so eine Einstellung verleite die Menschen zur Oberflächlichkeit. Andererseits drückt sie jedoch eine der bedeutendsten Errungenschaften der antiken Philosophie aus: die stoische Gemütsruhe. Ähnliche Beispiele gibt es im Dialekt eine ganze Reihe. Im zweiten Kapitel des Buches, das den treffenden Titel „’s is wia’s is“ trägt, unterhalten sich zwei Spezln. Dabei stammt allein schon das Wort „Spezl“ direkt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt so viel wie „das Besondere“ – in diesem Fall also der ganz besondere Freund. Ludwig Meindl hat in das fiktive Gespräch der beiden Freunde viel bayerische Lebensweisheit gepackt und analysiert die Ursprünge der bayerischen Seele mit viel Humor. Thomas Sax beschrieb im Anschluss das darauffolgende Kapitel, das viele wunderbare Beispiele aus der klassischen bayerischen Literatur enthält, etwa Passagen aus dem „Münchner im Himmel“ oder dem „Brandner Kaspar“.
Das vierte Kapitel des Buches widmet sich dem sogenannten Doagaffenslang, in dem der Autor die verunstaltete Sprache der Gegenwart gehörig aufs Korn nimmt. Tatsächlich hat das, was man heute oft hört, kaum mehr etwas mit dem ursprünglichen Dialekt zu tun. Zwar herrsche heute oft das Wunschdenken, Kinder sollten am besten dreisprachig aufwachsen, doch die Realität sieht anders aus: Die meisten sprechen heute ein preußisches Kauderwelsch, einen modischen Medienjargon oder gar eine sprachliche Primitivform. Das sind für den Autor dann die sprichwörtlichen Doagaffen – also jene Zeitgenossen, für die alles nur noch mega, super, cool oder geil ist. Eine gewisse Verzweiflung machte sich auf dem Podium breit, als man an die Kindergärten dachte, wo wohlerzogene Kinder heute kritiklos alles nachplappern, was sie hören, bis hin zu Worten wie „Tschüss“ und „Nö“. Die Kinder von heute würden viel vom alten Sprachgut gar nicht mehr wissen. Gegen diesen Doagaffenslang anzukommen, scheint schwer, weshalb eine echte Umkehr notwendig sei: Wir alle müssen das unbegründete Minderwertigkeitsgefühl ablegen und wieder stolz unseren eigenen Dialekt nutzen.
Nach einer kurzen Pause setzten die Akteure ihr Gespräch fort und stellten fest, dass der echte Bayer erst gründlich überlegt und dann seine Gedanken formuliert – ganz im Gegensatz zu so manchem Moderator im modernen Fernsehen. Rigoros abzulehnen sei beispielsweise der universelle Gruß „Hallo“, mit dem man heute pauschal alles und jeden ansprechen kann, sogar einen Regenwurm. Inhaltlich ist dieser Gruß völlig leer. Ludwig Meindl bezeichnete die Nutzer scherzhaft als „Halloisten“, als Vertreter einer dekadenten Postmoderne und als Floskel der puren Oberflächlichkeit. Wie viel schöner seien da doch Ausdrücke wie „Grüß Gott“ oder das bayerische „Pfiad Di“, das im Kern ja auch immer ein echter Segenswunsch ist. Die Sprache müsse sich also wieder bewusst ändern. Noch besser als ein einfaches Hallo ist auf jeden Fall das bayerische „Habe die Ehre“, was zusammen mit der passenden Geste eine echte, tiefe Ehrerbietung darstellt. Auch in der schriftlichen Korrespondenz sollte man dieses unpersönliche Hallo weglassen und stattdessen die Ehre betonen, mit dem Gegenüber in Kontakt treten zu dürfen.
Ludwig Meindl bezog im Anschluss auch die Zuhörer im Saal aktiv mit ein und kam auf die Französische Revolution sowie auf die vielen Ausdrücke zu sprechen, die zu Napoleons Zeiten in den bayerischen Sprachschatz eingeflossen sind. Die meisten dieser Begriffe waren den Zuhörern im Raum natürlich bestens vertraut. Nur die extremen Höflichkeitsformen der Franzosen haben sich in Bayern auf Dauer nicht durchgesetzt – damals waren die Bayern halt einfach noch ein bisschen gröber gestrickt. Vieles mehr trugen Ludwig Meindl und Thomas Sax an diesem Abend vor, was sich ausführlich im Buch nachlesen lässt. Das Werk gipfelt schließlich in dem flammenden Aufruf, eine sprachliche Revolution anzustoßen, um dem Bairischen wieder zu seinem wahren Wert zu verhelfen. Dies müsse bei den Eltern zu Hause beginnen und dürfe in den Schulen noch lange nicht enden.
Nachdem das Duo auch auf die feinen Unterschiede zwischen dem bayerischen und dem französischen Roll-R eingegangen war, die Herkunft der Wochentage analysiert hatte und viele alte Vornamen erklärte, die heute kaum mehr vergeben werden, waren sich alle einig, dass man noch stundenlang weiterforschen könnte. Thomas Sax dankte den Zuhörern für das Kommen und nahm für sich selbst fest mit, im Alltag wieder viel mehr Wert auf den Dialekt zu legen. Spannende Beispiele hierzu kamen direkt aus den Reihen der Zuhörer, wo sich einmal mehr zeigte, dass die bayerische Sprache mit nur einem einzigen Wort oft viel mehr ausdrücken kann als andere Sprachen mit ganzen Sätzen. Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet all das in Ludwig Meindls Buch „Sei duad’s was“, das direkt beim Autor oder im gut sortierten Buchhandel erhältlich ist. Auch die stellvertretende Landrätin Ilse Preisinger-Sontag zog am Ende des Abends im Gespräch ein rundum positives Fazit und betonte, wie viel man bei dieser kurzweiligen Lesung wieder über die eigene bayerische Lebensart gelernt hat.
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