| Die Delegierten der Dekanate und der Mitarbeitergruppen der katholischen Kirche, also der Diözesanrat, waren kürzlich im Mühldorfer Stadtsaal zu ihrer Frühjahrsvollversammlung zusammengekommen. Dort widmeten sie sich dem Thema „Mehrwert durch Werte. Perspektiven zur sozialen Marktwirtschaft“.
Welches Ansehen der Diözesanrat des Bistums München-Freising genießt, zeigt die Teilnehmerliste: Neben Bürgermeister Michael Hetzl war auch Handwerkskammerpräsident Franz-Xaver Peteranderl gekommen, der Vorsitzende des DGB in Bayern Bernhard Stiedl, der ehemalige Präsident des Verbandes der bayerischen Wirtschaft Professor Randolf Rodenstock und sogar Bayerns Familien- und Sozialministerin Ulrike Scharf und etwas später Reinhard Kardinal Marx. Natürlich mit dabei waren die Vorsitzenden des Dekanats Mühldorf, Christine Schmid und Klaus Schex.
Sie alle hieß Armin Schalk, der Vorsitzende des Diözesanrates, an diesem Wochenende zwischen Kommunalwahl und Stichwahlen herzlich willkommen. Die rege Teilnahme an den Kommunalwahlen zeigte ihm, dass die Demokratie in Oberbayern lebt. Mit diesem Thema hatten sie sich in einer früheren Sitzung auseinandergesetzt und damals festgestellt, dass die Demokratie ohne ihre Basis auf dem christlichen Wertekanon nicht funktionieren kann. Da das auch für die Soziale Marktwirtschaft gilt, haben sie das vergangene Jahr diesem Thema gewidmet. Die Diskussionen daraus wollten sie hier zusammenfassen und so einen Impuls setzen. Dazu begrüßte Armin Schalk neben den Genannten zahlreiche Vertreter aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
In seinem Grußwort freute sich Bürgermeister Michael Hetzl über die Wahl Mühldorfs als Sitzungsort. Geplant war das ja schon für 2020, musste aber coronabedingt verschoben werden. Er staunte über die Nachwirkungen aus dieser Zeit, die noch immer Einfluss haben. Die sind auch in Politik und Gesellschaft noch spürbar, wo sich der Umgang miteinander doch sehr verschärft hat. Das wissen alle Amtsträger aus eigener Erfahrung. Hass und Hetze haben extrem zugenommen, besonders im Internet. Deshalb trifft das Thema dieses Tages den Nerv der Zeit. Die Gesellschaft braucht wieder Orientierung und Werte. Diese zu vermitteln ist die Kernaufgabe der Kirche. Die sind übrigens auch in der Wirtschaft die Grundlage für unsere Marktwirtschaft. So freute er sich über die Teilnehmer von Arbeitgeber- und von Arbeitnehmerseite. Sie werden also viele spannende Themen zu diskutieren haben. Er freute sich über ihren Besuch in der geschichtsträchtigen Kreisstadt und lud sie ein, die ganze Stadt und den Landkreis kennenzulernen, der eine der stärksten Wachstumsregionen in ganz Deutschland ist.
Die Vorsitzenden Klaus Schex und Christine Schmid stellten das neugeschaffene Dekanat Mühldorf am Inn vor, in dem die ehemaligen Dekanate Waldkraiburg und Mühldorf inzwischen zusammengelegt sind. Sie sollten froh sein, dass sie jetzt hierher gekommen sind, meinte Klaus Schex. Vor 230 Jahren wären sie noch im Fürstbistum Salzburg gelandet und vor 400 Jahren hätten sie durch die damals evangelische Grafschaft Haag reisen müssen.
Das Dekanat ist weitgehend deckungsgleich mit dem Landkreis Mühldorf. Es umfasst 59 Pfarreien und Kuratien. Die Zahl der Katholiken unter den 122.000 Einwohnern im Landkreis Mühldorf sinkt seit Jahren ständig auf etwa 57.000 im Jahr 2025. Eine Herausforderung für die Kirche. In der kleinsten Pfarrei leben gerade einmal 94 Katholiken, die meisten natürlich auf dem Land. Die Hälfte der Katholiken lebt in zwölf Pfarreien, das sind 34.000 Gläubige. Wie die Statistiken zeigen, gehören im Dekanat noch immer viele der katholischen Kirche an. Wenn der Anteil der Katholiken in der gesamten Diözese 35 % beträgt, dann sind es im Landkreis Mühldorf noch 55 %. Interessant ist auch die Wahlbeteiligung in Abhängigkeit von der Zahl der Katholiken in jeder Pfarrei. Grob gesagt: Je mehr dort leben, desto geringer ist die Wahlbeteiligung. Aktuell hat die Kirche zu wenig Personal, ist aber im Plan. Bemerkenswert für das Dekanat ist, dass der ehemalige Papst Benedikt einen Teil seines Lebens in Aschau am Inn verbracht hat. Trotzdem wollen sie dran bleiben und den Weg fortsetzen.
Christine Schmid erinnerte an die acht Dekanatsgottesdienste, zu denen sie an besondere Orte eingeladen hatten. Gefeiert haben sie am Inn, an der Autobahn, in Au am Inn und an der Dekanatsgrenze zu Passau und Regensburg. Die Gottesdienste werden gern angenommen und bieten danach ein schönes Miteinander. Besondere Gottesdienste feiern sie auch am Valentinstag, ehren die Ehrenamtlichen und bieten Fortbildungskurse an. Das alles findet in den örtlichen Medien breite Erwähnung, und natürlich pflegen sie ihre eigene Seite im Internet. Ein Höhepunkt war erst kürzlich ein Dekanatstag mit neun Workshops und einem gemeinsamen Abendessen zum Ausklang. Das werden sie sicher fortsetzen. So freuten sie sich über den Diözesanrat in Mühldorf und wünschten allen einen fruchtbaren Aufenthalt.
Dann zogen sich die Teilnehmer in Einzeldiskussionen zu diesen Themen zurück. Das gab uns Zeit für einige Gespräche. Nach den Interviews kam auch Kardinal Marx dazu und wurde von der Versammlung herzlich empfangen.
Als Nächstes stand auf dem Programm der Frühjahrsvollversammlung eine Podiumsdiskussion unter der Leitung von Professor Markus Vogt, der an der LMU in München den Lehrstuhl für Christliche Sozialethik leitet. Neben den Genannten nahm daran auch die Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaft im Bayerischen Landtag teil, die Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Stephanie Schuhknecht.
Die Teilnehmer befassten sich mit den unterschiedlichen Wirtschaftssystemen in der Welt, beleuchteten die Zusammenhänge von Demokratie und Wirtschaft und waren sich sicher: Die Soziale Marktwirtschaft ist die genialste Erfindung in der Menschheitsgeschichte. Sie hat uns Wohlstand gebracht und soziale Sicherheit. Allerdings stellt sich die Frage, ob sie in der Lage ist, die aktuellen Herausforderungen mit dem demografischen Wandel, der starken Zuwanderung, dem Klimawandel und dem weltweiten Rückzug der Demokratie zu überstehen.
Nach einstündigem Austausch fassten die Podiumsteilnehmer zusammen:
Professor Rodenstock meinte, sie alle erachteten die Soziale Marktwirtschaft als ideale Form, die aber hier und dort korrigiert werden muss. Worin, darin unterscheiden sie sich allerdings. Auf jeden Fall sah er große Chancen in den Start-ups, die viele neue Impulse setzen werden.
Ähnlicher Meinung war Kardinal Marx. Sorgen machte er sich aber bei den Parteien und in der Tarifpolitik, in die immer öfter der Staat eingreift. Auch die zunehmende Abhängigkeit von totalitären Staaten trieb ihn um. Zudem sorgte er sich um die Demokratie, die er tatsächlich als gefährdet erachtete. Wenn alle zusammenhelfen, werden aber Polarisierung, Spaltung und totalitäre Regime keine Chance haben.
Staatsministerin Ulrike Scharf freute sich darüber, dass sich der Diözesanrat dieses sperrigen Themas angenommen hat. Gelingt es uns, gegenseitiges Vertrauen, Toleranz und Akzeptanz in die Institutionen des Staates zu erhalten, können wir alle gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen meistern. Allerdings gilt es, viel mehr zu diskutieren, als sie in diesen 60 Minuten betrachten konnten.
Bernhard Stiedl war überzeugt, wenn es weiter gelingt, Kompromisse einzugehen, dann wird es auch gelingen, den Sozialstaat zu erhalten und den Menschen Ängste zu ersparen.
Stephanie Schuhknecht hatte es genossen, mit ihnen allen zu diskutieren, und hatte erkannt, dass es die nötigen Lösungen bereits gibt. Man muss sie nur noch umsetzen.
Damit verabschiedeten sich die Teilnehmer Richtung St. Nikolaus, wo sie gemeinsam Gottesdienst feierten, um nach einem gemeinsamen Mittagessen die Diözesanversammlung am Nachmittag mit der Diskussion und der Verabschiedung der bereits angesprochenen zehn Thesen fortzusetzen.
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